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Das Originalfoto

Manch einer erinnert sich vielleicht noch an meine Rasur in Marrakesch während meiner ersten Marokkoreise. Ich hatte damals noch die utopische Vorstellung, meinen Bart in Eigenregie und mit Hilfe eines Einwegrasierers verwalten zu können – ich Idiot.

Trotz Einweichens und allem, was die Fernsehwerbung an Schaums und Gels empfiehlt: Es war kein Durchkommen.

Schon Tage zuvor war mir die kleine, schmuddelige, aber irgendwie sympathische Rasierstube aufgefallen. So wuchs in mir die Idee, eine Bartpflege nach Berberart in Anspruch zu nehmen. Barbier kommt ja wahrscheinlich von Berber…

Ich bin was das angeht auch nicht ängstlich. Vor drei Jahren hatte ich bereits von meinem Rasurerlebnis in Indien berichtet und auch in Thailand hatte ich einschneidende Erlebnisse…

Der Höhepunkt war der Farbenfrohe Aufkleber bei einem Barbier in

Immer noch bei der Arbeit

…und ein Jahr später

Zentralthailand: „A new Razorblade gives every customer, for protect the AIDS.“

Aber dieser Barbier sah aus, als sei er 1000 Jahre alt, die Augen vom Star getrübt, die Hände zittrig…

Doch es ging alles gut. Außer ein paar kleinen Blutungen gab es keine größeren Probleme. Fast alle konnten auch kurzfristig mit Alaun gestillt werden. Narben habe ich, soweit ich weiß, keine behalten.

Was ich aber in Erinnerung behalten habe, ist wie sich der alte Mann unseren Besuch gefreut hat, wahrscheinlich der erste Ausländer, der ihm unters Messer kam. Er lachte die ganze Zeit und kramte irgendwann einen zerknickten Umschlag mit alten Fotos hervor. Einige zeigten ihn in längst vergangenen Zeiten in schwarzweiß, oder in den vergilbten Farbenspielen der ersten Coloraufnahmen.

Wir vermuteten damals, dass es womöglich die einzigen Fotos waren, die der alte Mann besaß. Es waren zwar nicht viele, vielleicht acht oder neun, aber auf allen lachte er. Wer kann das von sich behaupten?

Als Ende letzten Jahres feststand, dass uns die Reise wieder einmal nach Marrakesch führen würde, wenn auch nur als Zwischenstopp auf dem Weg nach Essaouira, erinnerte ich mich an den alten Barbier und das Foto, das ich von ihm gemacht hatte. Meiner Meinung nach eins meiner Schönsten. Und so entstand die Idee, seiner Sammlung ein Weiteres Foto hinzuzufügen.

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Ein herrlicher Moment voll Fröhlichkeit

In aller Eile, einen Tag vor unserem Abflug, wurde schnell Ein Abzug in der Drogerie gedruckt, ein halbwegs vorzeigbarer Rahmen aus dem Bestand ausgewählt und das Ganze zusammengefügt. Schließlich galt es nur noch die Daumen zu drücken, dass der Rahmen die Reise heil übersteht und natürlich hoffen, dass sich der alte Mann seine Gesundheit bewahrt hatte.

Schließlich war es soweit. Wir hatten den heilen Bilderrahmen unter den Arm geklemmt und flossen mit dem Strom der Menschen durch die abendlichen Gassen. Ich wusste noch ziemlich genau, wo sich der Laden befand, aber je weiter wir kamen, desto lauter wurden die Zweifel in meinem Kopf: Hätte der Laden nicht schon längst kommen müssen? Verbarg er sich vielleicht hinter diesem, oder jenem geschlossenen Rollo?

Doch schließlich sah ich die ersehnten blauen Kacheln, die den Eingang einrahmten und an welche ich mich noch erinnern konnte. Im Gegensatz zum letzten Mal hatte der alte Mann aber gut zu tun. Der kleine Laden saß voller Menschen. Also der alte Mann und zwei Kunden.  Viel Platz gab es nicht, weswegen wir von außen an die Tür klopften und ich mit bröckeligem Französisch mein Anliegen vortrug.

Unbezahlbare Geschenke

Unbezahlbare Geschenke

Als der alte Mann uns sah, schien er uns sofort wiederzuerkennen. Er fing an zu lachen und zeigte mit dem Finger auf mich. Ganz sicher, er erinnerte sich. Bis aber raus war, was wir nun wollten, dauerte es etwas länger. Wahrscheinlich sind Kundengeschenke, vor allem wenn sie erst nach einem Jahr überreicht werden, in Marokko unüblich. Vielleicht war mein französisch bröckliger als ich befürchtet hatte. Ich erinnere mich auch, dass sein Französisch damals ebenso holprig war.

Mit den Worten „J’ai une Présent pour vous“ – Ich habe ein Geschenk für Sie –  reichte ich ihm den Bilderrahmen. Sowohl die paar Worte, als auch die Geste konnten nicht falsch verstanden werden und als er schließlich das Foto erblickte wurde sein Grinsen noch breiter,

seine Augen strahlten und er wurde ganz hektisch. Vor Aufregung vergaß er sogar das obligatorische Merci zu sagen. Er zog Schubladen auf und öffnete Schranktüren, Dinge purzelten heraus und kullerten über den Boden. Bis er schließlich fand, was er gesucht hatte. Einen Apfel und zwei Mandarinen. Mir schenkte er den Apfel, Lena die beiden Mandarinen.  Es war eine unbeschreiblich niedliche und schöne Geste und am nächsten Abend,

Am Abend vor unserem Abflug

Am Abend vor unserem Abflug

bereits in Essaouira, ließ ich mir den Apfel schmecken. Er war köstlich und süß.

Das Bild wurde im Laden herumgereicht, alle lachten und freuten sich mit. Auch der zahnlose Mann, der bereits eingeschäumt auf dem Rasierstuhl saß.

Am letzten Tag unserer Reise kamen wir spät abends wieder an seinem

kleinen Laden vorbei, aber er hatte schon geschlossen. Durch die Vorhänge sah ich aber, wonach ich gesucht hatte. Mein Foto, direkt auf der Theke.

Ich stelle mir gerne vor wie seine Kunden das  Bild betrachten und der alte Mann ihnen stolz die Geschichte erzählt. Doch eigentlich weiß er von uns genau so wenig, wie wir von ihm. Vielleicht berichtet er ihnen dann von dem großen Abenteuer unserer Begegnung.

Zu sehen auf dem blauen Sofa der Leipziger Buchmesse. Am Anfang wirkt er ja ein bisschen verstrahlt

 

Hier der LINK  in die ZDF-Mediathek

Nur eine kleine Ankündigung am Rande. Wer sich für Reiseliteratur interessiert, der kommt über kurz oder lang nicht um Helge Timmerberg rum.

Jetzt kommt sein Neustes auf den Markt. Ich werde es mir erst mal nicht kaufen. 19,95 für 300 Seiten ist mir zu teuer. Aber vielleicht kann ich‘s ja mal gebraucht ergattern.

Zum Buch kann ich daher noch nicht allzu viel sagen, daher zitiere ich mal von der Amazon Homepage (http:/www.amazon.de):

„Helge Timmerberg, Abenteurer und Globetrotter, hat den letzten ihm noch unbekannten Kontinent bereist, sieben Monate lang, von Nord nach Süd, von Ost nach West. Afrika lag vor ihm wie eine Großwildjagd nach Geschichten. In den Großstädten inspizierte er die Hölle auf Erden, in der Serengeti das Paradies. Er war mit Buschfliegern unterwegs, mit uralten Dampfern, und bangte bei einem nächtlichen Fußmarsch um sein Leben. Er schwamm mit Krokodilen, wurde von einem Elefanten attackiert und von einem Nashorn verfolgt. Er durchstreifte den Regenwald in Uganda, besuchte die weißen Strände von Sansibar und entdeckte die schönste Insel Afrikas, die Ilha de Moçambique. Er wurde im Senegal mit einem Voodoozauber belegt und lernte in Malawi das kleine Einmaleins der Korruption kennen. Er zog durch die Reggaekneipen von Dakar, traf Marabouts, Primatenforscher, Straßendiebe und – Lisa. Dank ihr verbindet sich seine Liebe zum Abenteuer mit dem Abenteuer der Liebe. Beides hat seine Risiken: durchgeknallte Gefühle. Das berühmte «afrikanische Fieber»: Helge Timmerberg hat es gesucht und gefunden. Ein hintergründiges, lebenskluges und lustiges Buch – und eine ebenso exzentrische wie sympathische Abenteurergeschichte, wie sie heute kaum noch zu erleben ist.“

 

Bleibt ab zu warten, ob Helge an alte Erfolge wie Shiva Moon anknüpfen kann.

Hello Budapest!

Ich habe die Türken geprellt! Also, das glaube ich zumindest. Auf dem Weg nach und von Istanbul bin ich relativ viel über die türkischen Autobahnen gefahren, welche eigentlich mautpflichtig sind. Zwischendurch wird die Autobahn immer mal wieder unterbrochen und man muss an kleinen Maut-Häuschen vorbei fahren. Offensichtlich gibt es da eine elektronische Überwachung mit irgendwelchen Chips. Beziehungsweise für Alle die keinen Chip haben (ich zum Beispiel), eine kleine Karte, die man aus einem Automaten ziehen muss, welche dann bei der nächsten Mautstation entsprechend abgerechnet und bezahlt wird. Hinter den Mautstationen stehen Polizeistreifen und kontrollieren das Ganze. Leider konnte ich die Schilder bei der ersten Mautstation nicht wirklich deuten und so kam es, dass ich statt in die Spur für „Bezahler“, in die Spur für Chip-Inhaber gefahren bin. Dort gab es keinen Automaten, keinen Beamten, keine Schranke und auch sonst nichts, was man in irgendeiner Weise hätte bedienen, betätigen oder wenigstens fragen können. Also bin ich einfach weiter gefahren, was hättet ihr getan?! Das Motorrad zurück rollen und gucken wo man hin muss?! Als ich die Station gerade einen Meter verlassen hatte, erklang plötzlich ein lautes, schrilles Klingeln, begleitet von bunten Lämpchen (was auch sonst?) und einer Sirene. Quasi ein einfacher optischer, unterstützt von zwei unterschiedlichen akustischen Alarmen. In mir machte sich ein leicht panisches Gefühl breit: Hinter mir die bunten Lämpchen und die Sirenen, vor mir die Polizeistreife. Innerlich hatte ich in diesem Moment (mal wieder) mit der Tour abgeschlossen und mich mit einer kleinen Gefängniszelle angefreundet. Ihr kennt doch diese Horror-Geschichten mit der türkischen Justiz: knallhart, wegen jedem Bisschen wandert man hinter schwedische Gardinen. Ich erinnere nur an den Fall „Marco“, der zig Monate im Kittchen einsaß, weil er „versehentlich“ eine 13-jährige Britin gepoppt haben soll. Oder die Touristin, die ein paar Steine vom Strand als Mitbringsel nach Deutschland „exportieren“ wollte und dann ebenfalls inhaftiert wurde. Und dabei ist ein türkischer Knast bestimmt die Hölle auf Erden, zumindest wenn man an die ganzen Geschichten über Menschenrechtsverletzungen in der Türkei nachdenkt. Mir drohte also nicht nur Gefängnis sondern auch Folter und auf lange Sicht ein langsamer, qualvoller Tod! Ihr werdet mit Sicherheit bemerkt haben, dass ich gerade ein wenig mit klassischen und stereotypischen Klischees um mich werfe, die vielleicht nicht alle ganz unbegründet sind aber die sicherlich übertrieben dargestellt wurden und einer genaueren Differenzierung bedürfen. Aber(!) – und deswegen erzähle ich überhaupt davon – in dieser Situation denkt man nicht darüber nach, wie naiv und ungebildet diese unreflektierten Gedankengänge eigentlich sind. Die Vorurteile nehmen überhand und man wird nervös, denn man weiß nicht was passiert. Bei mir passierte Folgendes: Die Polizisten schauten mich an, zogen genüsslich an ihrer Zigarette und winkten mir zu! Sie haben gewunken, sonst nichts! Mir fiel ein recht großer Hinkelstein vom Herzen und ich konnte entspannt weiterfahren. Die Türkei – so wie ich sie kennenlernen durfte – ist nicht das, was man als Otto-Normal-Medienjunkie vermittelt bekommt. Und ja, ich weiß, ich habe nur einen Bruchteil der Türkei erlebt. Sei es drum…

Istanbul, mein eigentlich Ziel, war erreicht und nun ging es Richtung Heimat. Ich fuhr entlang der bulgarischen und rumänischen Schwarzmeerküste bis nach Konstanza (Rumänien) und von dort aus ins Landesinnere bis nach Bukarest. Über die Schwarzmeerküste gibt es nicht viel Spannendes zu berichten, hier und da ein paar schöne, einsame Flecken. Ansonsten aber zugebaut mit vielen zweitklassigen Hotelanlagen und ein paar angeblichen Luxus-Resorts.

Einer der wenigen unverbauten Abschnitte an der Küste des Schwarzen Meers; Klippen machen es möglich

Bukarest hat knapp zwei Millionen Einwohner und ist Rumäniens Hauptstadt. Das Stadtbild ist geprägt von wunderschönen, alten aber verwahrlosten Villen einerseits und modernen, hohen, bunt beleuchteten und größtenteils mit Glas verkleideten Gebäuden andererseits. Die modernen Glasbunker wirken dabei aber größtenteils deplatziert und wollen sich nicht so recht in die historische Altstadt integrieren. Ähnlich wie in Sofia, sind auch in Bukarest die meisten Sehenswürdigkeiten in der gut zu Fuß erkundbaren Altstadt gelegen. Jedoch fehlt Bukarest der gewisse Charme, den Sofia für mich so interessant und schön gemacht hat. Ich kann es nur schwer beschreiben aber in Sofia war die Atmosphäre einfach stimmiger und besser, weniger hektisch und vor allem weniger pseudo-modern. Sofia wirkt authentisch, während Bukarest noch auf der Suche zu sein scheint.

alle paar Sekunden erfolgt ein Farb- und Motivwechsel

Altes spiegelt sich in Neuem wider

Nichts desto trotz gibt es aber auch in Bukarest viel zu entdecken und dazu habe ich wieder Mal eine dieser von Studenten geführten „free guided Tours“ gemacht. Daraus eine kleine witzige Anekdote. Anfang der Neunziger, kurz nach dem Fall der Mauer, war Michael Jackson der erste große Star, der BuKaRest besuchte. Endlich konnte man sich völlig legal und ohne Angst von der Geheimpolizei verhaftet zu werden auf den Künstler aus dem Land des kapitalistischen Klassenfeindes freuen. Und das taten die Rumänen. Tausende von Fans warteten vor dem Parlamentspalast, in dem Jackson hausierte. Es wurde gekreischt, geweint und kollabiert, so glücklich waren die Ergebenen über den Besuch ihres Vorbilds in BuKaRest! Nach einigen Stunden des Wartens betrat der King of Pop einen der Balkone des Parlamentspalastes und hauchte mit seiner hohen, femininen Stimme in ein Mikrofon: „Hello Budapest!“. Statt eines kollektiven Gefühlsausbruches (wie von Jackson erwartet), starrten ihn abertausende fassungslose und enttäuschte Augen an. Wie konnte das nur passieren?! Er hatte Rumäniens Hauptstadt Bukarest mit dem ungarischen Budapest verwechselt. Ein Fehler, der nicht selten auftaucht. Davon durfte ich mich auch einige Male selber überzeugen. Michael Jackson jedenfalls musste sich unzählige Male für diesen Fauxpas entschuldigen und sogar ein Zusatzkonzert in Bukarest geben. Dank dieser Anekdote wird mir dieser Fehler aber sicher nicht mehr unterlaufen. Danke Mr. Jackson!

Parlamentspalast in Bukarest, Europas größtes Gebäude

Weiter ging es von Bukarest nach … na wohin wohl?! Genau! Budapest. Bericht folgt…

 

Istanbul – das Schachbrett unter den Kontrastmustern

Von Sofia bis Istanbul sind es zwar „nur“ knappe 600 Kilometer, diese Distanz ist aber (gerade bei den hiesigen Straßenverhältnissen) für die Kuh und mich nicht ohne weiteres an einem Tag machbar. An dieser Stelle ein kleiner Ausflug zu meinen „Fahrgewohnheiten“:

Die Kuh (BMW F800GS) ist in Biker-Kreisen für ihre sehr harte, eigentlich nicht tourentaugliche, Sitzbank bekannt. Sie ist mehr oder minder ein Nussknacker, der Popo rutscht unentwegt über die raue Sitzbank und jeder Stoß und jede Bodenwelle wird von den Stoßdämpfern direkt an das Sitzfleisch weitergegeben. Auf Dauer sehr unangenehm, nach spätestens 100km wünscht man sich einen großen, sesselförmigen Eisblock herbei um seinen Allerwertesten wieder friedlich zu stimmen. Die kurzen Zigarettenpausen zwischendurch helfen da nicht wirklich, also wird man zwangsläufig irgendwann sehr erfinderisch, was die Sitzpositionen im Sattel der Kuh angeht. Hier nun ein paar auserwählte (von dutzenden) Beispiele. Zu Beginn reicht es völlig aus, wenn man etwas auf dem Sitz hin und her rutscht. Von vorne nach hinten, von rechts nach links und Alles, was dazwischen liegt. Ich will nicht wissen, was die anderen Verkehrsteilnehmer von mir denken, wenn ich während der Fahrt auf der Sitzbank hin und her rutsche. Nichts Gutes nehm’ ich an, der eine oder andere Autofahrer hat mich schon kopfschüttelnd und vorwurfsvoll anschauend überholt. Lkw-Fahrer hingegen, die wahrscheinlich das Gleiche denken wie die Autofahrer, strecken grinsend den Daumen in die Luft. Vielleicht sollte ich mir ein Schild für solche Fälle basteln, auf diesem stünde geschrieben: „NO, I’m NOT satisfying my libido right now!“. Aber glaubt mir, wenn der Popo sich anfühlt, als würde man am Abend einen dicken Dekubitus einbalsamieren müssen, wäre euch auch jede Position recht. Die zweite Position ist da schon gesellschaftstauglicher: Fahren im Stehen! Ich bin (gerade gegen Ende von längeren Etappen) dazu übergegangen, 15-20 Minuten am Stück stehend zu fahren. Das ist super, denn der Schinken (verdammt, ich liebe Thesaurus) wird dabei komplett entlastet und alle Sorgen sind passé. Das funktioniert bis zu Geschwindigkeiten von 80 km/h, danach werden die Arme seeeehhhhr lang! Die Aufmerksamkeit ist einem beim Stehend-Fahren sicher. Ich weiß nicht warum – schließlich kann jeder Trottel im Stehen Fahrrad fahren und beim Motorrad ist das schließlich auch nichts anderes – aber wirklich alle schauen einen mit großen Augen dabei zu und Kinder am Straßenrand zeigen kreischend mit dem Finger auf einen. Nichts desto trotz ist und bleibt für mich diese Position wirklich mit Abstand die beste im Biker-Kamasutra. Andere gute Positionen sind noch „die Stiefel auf die Sozius-Fußrasten und hinter die winzige Windschutzscheibe ducken“ sowie das „nach Hinten lehnen und die Beine auf die Sturzbügel legen“.

Aber auch mit diesen ausgeklügelten Durchhalte-Taktiken waren die 600km einfach nicht realisierbar (ihr erinnert euch?! von Sofia nach Istanbul). Also machte ich einen Zwischenstopp in Edirne, der ersten Stadt hinter der türkisch-bulgarischen Grenze. Der Grenzübergang war zwar nicht ganz so easy wie die vorherigen, im Endeffekt jedoch nur zeitaufwendig und wenig stressig.

Edirne war für mich nur eine Transit-Stadt mit einer Übernachtung im Motel und es gibt nichts Spannendes darüber zu berichten. Außer vielleicht, dass ich in Edirne zum ersten Mal nach gut 4.000km Fahrt Bodenkontakt hatte. Es passierte in einem Kreisverkehr, dessen Grünzeug-Innereien gerade in diesem Moment von den engagierten Männern in Orange gewässert werden mussten. Dabei haben die Jungs den kompletten Kreisverkehr geflutet. Als ich auf den Kreisverkehr zufuhr, war mir die Gefahr schon sehrwohl bewusst. „Viel Wasser auf einer mit Reifengummi überzogenen Straße bei anhaltender Trockenheit  seit mindestens zwei Wochen; da musst du vorsichtig sein!“, waren meine Gedanken. Ich fuhr extrem langsam und vorsichtig in den Kreisverkehr hinein, brachte die ersten Meter wohlauf hinter mich, bis mir dann ohne Vorwarnung das Hinterrad ausbrach. Schwups, schon lagen die Kuh und ich auf dem Boden, ich habe de facto noch nicht einmal gemerkt, was genau zu welchem Zeitpunkt den Grip verloren hat. Ich raffte mich schnell auf und bevor ich die Lage überhaupt verarbeiten konnte, standen schon zwei hilfsbereite Türken, die sofort aus ihren Autos gesprungen sein mussten, neben mir und richteten die Kuh und mich behutsam auf. Ich bedankte mich gefühlte zwanzigtausend Mal und fuhr umgehend weiter, da mir das Ganze dann doch etwas peinlich war. Bei der nächsten Möglichkeit hielt ich an und begutachtete den entstandenen Schaden. Die Kuh hatte zum Glück rein gar nichts abbekommen. Lediglich der linke Seitenkoffer war etwas angeschrammt. Ich selber habe auch nur einen blauen Fleck und einen wenige Stunden schmerzenden, leicht geprellten Knöchel davon getragen. Alles super, es konnte weiter gehen.

Das erste, was einem nach dem Passieren der türkischen Grenze auffällt: Minarette so weit das Auge reicht!

Nun zum eigentlich Thema dieses Berichtes: Istanbul ist die viertgrößte Stadt der Erde und die einzige auf zwei Kontinenten liegende Metropole. Mit über 13 Millionen Einwohnern und einer weit mehr als 2000-jährigen Geschichte eine Stadt, der man weitaus mehr als die 3 Tage, die ich dort verbracht habe, widmen müsste. Schließlich diente sie als Byzantion, Konstantinopel und schließlich als Istanbul drei Weltreichen (Byzantiner, Römer und Osmanen) als zentrale Hauptstadt. Meine Erlebnisse & Erfahrungen spiegeln also höchstens einen Bruchteil eines Bruchteils (also quasi im Promillebereich)  dessen wider, was Istanbul zu bieten und zu erzählen vermag! Trotzdem möchte ich versuchen einen kleinen, höchst subjektiven, Einblick zu verschaffen.

Wenn es eine Stadt gäbe, in der Mann George W. Bush und den inzwischen angeblich verstorbenen Osama bin Laden auf der Straße wild knutschend antreffen würde, so wäre es wohl Istanbul. Zugegeben, ich kenne nicht viele Weltmetropolen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich viele (wenn überhaupt welche) gibt, die den Kontrast zwischen Ost und West, zwischen Christentum und Islam, zwischen Weltverschlossen- und Weltoffenheit, zwischen Spaßgesellschaft und Traditionsbewusstsein besser symbolisieren könnte als Istanbul. Dabei soll Erst- und Zweitgenanntes keinerlei Zuordnung sein, denn es gibt jeweils beides in wohl allen Kulturkreisen, wobei sich gewisse „Häufungen“ natürlich nicht leugnen lassen. Jedoch treffen und vermischen sich diese grundlegenden Einstellungen auf eine außergewöhnlich harmonische und bemerkenswerte Art &Weise in Istanbul.

Das beste Beispiel für mich und wahrlich eines mit Symbolcharakter waren zwei junge Frauen, beide wohl um die Zwanzig. Sie schienen gute Freundinnen zu sein, denn sie spazierten gemeinsam Arm in Arm, kichernd und quasselnd durch den „angesagten“  Istanbuler Stadtteil Tünel. An sich überhaupt nichts besonderes, wenn da nicht das Äußere der beiden Mädels den entscheidenden Unterschied ausgemacht hätte. Nummer Eins trug einen kurzen Rock, ein enges Top mit einem Ausschnitt bis zum Bauchnabel, hochhackige Schuhe und offene, lange Haare. In Deutschland hätte man sie vor wenigen Jahren noch als Nutte abgestempelt, inzwischen ist dieser „Style“ jedoch schon etwas gesellschaftstauglicher geworden und gilt zumindest im Balkan als “en vogue”. Das Outfit von Nummer Zwei hingegen war dagegen der klassische Stereotyp einer gläubigen Muslimin. Ihr Haar hinter einem langen, um Kopf und Hals gewickelten, Schleier versteckt, ein weites, langgeschnittenes Kleid, darunter ein Longsleeve und eine Hose. Ich hätte die Beiden wirklich fotografieren sollen, wäre mir dabei aber wie ein Volltrottel vorgekommen. Heimlich knipsen im perfekten voyeuristischen Stil beherrsche ich leider nicht und somit müssen wir an dieser Stelle mal wieder auf ein Bild verzichten.

Dieses Beispiel steht für viele dieser Kontraste, die  Istanbul  zu einem besonderen Ort machen. Kirchen neben Synagogen neben Moscheen. Hippe Bar mit reichlich Alkoholausschank neben den klassischen, den Männern vorbehaltenen, Kaffees mit Wasserpfeife und Tee als einzigen Konsumgütern und daneben wiederum ein Coyote Ugly – Club. Der Gesang des Muezzins vermischt sich am Abend mit der dröhnenden Musik aus Clubs und Bars. All dies schafft eine gruselig friedliche aber angenehme, weltoffene und einfach schöne Wohlfühl-Atmosphäre. Ich habe in den drei Tagen nicht ein einziges Mal erlebt, dass sich irgendwer angeschrien, geprügelt oder auch nur gestritten hätte. Natürlich will ich damit nichts sagen, dass Istanbul die perfekte und friedliche Symbiose aus Allem genannten ist. Aber in Berlin zum Beispiel bekommt man Anfeindungen jeglicher Art deutlich häufiger mit. Aber wie eingangs schon erwähnt, war ich viel zu kurz in Istanbul um mir diesbezüglich ein endgültiges Urteil erlauben zu können.

Für viele galt zeitgenössische Kunst im arabisch-islamischen Raum für lange zeit als absolutes No-Go

Istanbul bietet eine ganze Reihe an optischen Reizen. Ich hatte das Gefühl, dass die Offiziellen alles versuchen, um bei Epileptikern einen Krampfanfall auszulösen. Man sollte vor der Stadt ein Warnschild anbringen, so wie es bei Videospielen gang und gäbe ist. Wild blinkende, riesengroße, grell leuchtende LED-Werbetafeln, Neon-Licht in allen erdenklichen Farben an jeder Ecke (zumindest in Tünel), Polizei und die Ambulanzen hatten stets (egal ob Notfall oder nicht) ihr Blau- und Rotlicht an. Selbst wenn Sie nur als Patrouille auf irgendeinem Platz herumstanden.  Auch in den ansonsten dunklen, kleinen Gassen waren alle Bars und Pubs mit Leuchtwerbung bestens ausgestattet. Um das ganze noch zu toppen, musste mitten im August die Winter- und Weihnachtsbeleuchtung herhalten. Hauptsache hell leuchtend!

Entschuldigt die Unterbelichtung, anders hätte ich freihand die "Weihnachtsbeleuchtung" nicht dokumentieren können

8-stöckige Mall mit allem was das "Kapitalistenherz" begehrt

der Taksim-Platz in Tünel

Neben diesem Jubel-Trubel-Stadtteil namens Tünel gibt es natürlich auch Stadtteile mit den klassischen Postkarten-Motiven. Sultanahmet ist ein solcher Bezirk. Hier drängelt sich eine Sehenswürdigkeit neben die nächste und buhlt um die Gunst der Touristen aus aller Herren Länder. Blaue Moschee, Hagia Sophia, Topkapi-Palast, Yerebatan-Zisterne, Ägyptischer Markt, wunderschöne Parks und Teegärten. Ich konnte mit meiner beschränkten Zeit nur einen Bruchteil davon wirklich besuchen, das Meiste habe ich im „vorbeigehen“ mitgenommen. Beeindruckt hat es mich auch so, obwohl ich mich eigentlich zu den Museen-, Kirchen- und Kulturmuffeln unter den Touris zähle.

Blick vom Stadtteil Tünel auf Sultanahmet. Im Bild rechts die Süleyman-Moschee

Die Blaue Moschee im historischen Stadtteil Sultanahmet

Bilder können den Duft des Ägyptischen Marktes nicht beschreiben

Ich habe mich während des Aufenthaltes vornehmlich auf der europäischen Seite des Bosporus aufgehalten, da mein Hostel, Tünel und Sultanahmet in diesen Teilen Istanbuls liegen. Das heißt, ich kann nun leider nicht von mir behaupten, dass ich mit dem Motorrad bis nach Asien gefahren bin. Aber mal ganz ehrlich, den Stress und die Gefahren des Istanbuler Straßenverkehrs auf sich nehmen und mindestens eine Stunde lang bis über die Bosporus-Brücke gurken, nur um zu sagen „Ich bin nach Asien gefahren!“?? Nein, danke!

Die Fahrt über die erste der beiden Bosporus-Brücken wollte ich mir aber natürlich nicht nehmen lassen. Also bin ich mit einem dieser Hop-In-Off Busse, mit einem 24h gültigen Ticket längs und quer mit Voice-Guide durch Istanbul getuckelt. 20€ klingt im ersten Moment sehr viel für dieses Vergnügen, jedoch war es jeden Cent wert. Es wurden drei Touren angeboten, 2,5h bis nach Asien, 50min entlang des Goldenen Horns und eine Nachttour auf einen super Hügel mit Panoramasicht über das nächtliche, leuchtende Istanbul. Ich hab alle Touren mitgemacht (allesamt waren sie fabelhaft) und zusätzlich das Ticket noch als Ersatz für den öffentlichen Nahverkehr genutzt. Mit diesen Touren erfährt man recht viel über Istanbul aber eben nicht zu detailliert. Kann ich jedem Besucher nur empfehlen, der sich einen Überblick über die Stadt und deren Geschichte sowie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten verschaffen will. Kleine Geschichte noch zur der Rückfahrt mit dem Doppeldecker Bus von dem Hügel Richtung Taksim-Platz: Ich weiß nicht, was genau den Fahrer geritten hat, aber er fuhr die steilen Serpentinen den Berg hinab wie Sebastian Vettel auf der Jagd nach der Pole in Monaco. Ich wäre, selbst bei Helligkeit, guten Straßenverhältnissen und einem kleinen Sportflitzer (keines davon war gegeben), nicht so zackig wie der junge Renn-Bus-Fahrer dort hinab gerast. Der Bus schwankte wie wild, sogar die Reifen quietschten zwischendurch und die Hälfte der Fahrgäste (der ältere und gesetztere Anteil) saß blass und starr in ihren Sitzen, während die zweite Hälfte (das junge Partyvolk) vor Spaß jauchzend und den Fahrer anfeuernd die rasante Abfahrt genossen. Bitte fragt nicht, zu welcher Hälfte ich gehört habe. Es ist deprimierend…

Blick von Asien nach Europa; Istanbul bei Nacht. Im Bild links die erste der zwei Bosporus-Brücken, die das europäische mit dem asiatischen Istanbul verbinden.

Die Zeit in Istanbul verging viel zu schnell und schon musste ich mich wieder auf den Weg Richtung bulgarischer Schwarzmeerküste machen. Istanbul wird definitiv in die Liste der Städte aufgenommen, der ich nochmal einen längeren Besuch abstatten muss, nein möchte, halt Stopp, MUSS!

Artikel zur Schwarzmeerküste (Bulgarien, Rumänien) und Bukarest folgt in den kommenden Tagen. Danke fürs Lesen!

 

P.S.: Ich habe in Istanbul tatsächlich keinen, dem deutschen Pendant vergleichbaren, Döner gefunden. Ein Indiz mehr dafür, dass der Döner in Berlin erfunden wurde. ;)

 

Mazedonien & Bulgarien

Der Übergang von Albanien nach Mazedonien war fließend. Und das sogar im wahrsten Sinne des Wortes, flüssig wie Wasser, das Wasser des Ohridsees. Dieser liegt an der Grenze und beim kurven um diesen wundervollen See, kommt man ohne damit zu rechnen plötzlich an die Grenze zu Mazedonien. Der Grenzübergang war äußerst klein und schlecht besucht. Gut für mich, denn ich konnte schnell passieren und war somit wieder ein Land weiter. Für Mazedonien hatte ich den Tipp bekommen, die Pass-Straße zwischen dem Ohrid- und dem Prespasee zu befahren. Die beiden Seen liegen fast direkt nebeneinander und werden nur durch einen auf 1.700m ansteigenden Gebirgszug voneinander getrennt. Die Seen selber liegen beide auf je 700m Höhe und somit konnte ich auf dem Hin- und Rückweg insgesamt 2.000 serpentinenreiche Höhenmeter abfahren – ein Traum für jeden Motorradfahrer.

Der Ohridsee: Riesig, blau, klar, tief, schön!

Auf dem Rückweg zum Ohridsee kam mir in einer dieser Haarnadelkurven ein mazedonischer Reisebus entgegen. Flink wie ein Wiesel erkannte ich die Gefahr, denn der Bus befuhr die Kurve in vollem Umfang, inklusive meiner Fahrspur. Ich bremste recht heftig und kam gute 5 – 10m vor dem Bus, der sich gerade durch die Kurve quälte, zu Stehen. Leider musste ich feststellen, dass der Busfahrer die Gefahr nicht so „Wiesel-like“ wie ich erkannt hatte. Er bevorzugte es, die tolle Landschaft zu beobachten, die Straße war ihm dabei offensichtlich recht egal. Wozu sollte er auch aufpassen, sein Bus würde bei der Kollision sowieso nur eine weitere Delle bekommen. Meine arme Kuh hingegen, wäre dabei aber wohl über den Jordan gegangen und das wollte ich nicht. Also leitete ich ein Rettungsmanöver ein. Mein Plan: Hupen, damit der Fahrer sich wieder auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentriert – mein Motorrad nicht zu verletzen und mich nicht zu beschädigen. „Also los, HUPEN! … Häh, wieso geht die Hupe nicht? Scheiße, warum funktioniert gerade jetzt die verdammte Hupe nicht!?“. Ich drückte mehrfach panisch auf den Schalter, nichts tat sich. Während ich mich mental schon auf das vorzeitige Ende der Reise vorbereitete, bemerkte der Busfahrer zum Glück seinen Fauxpas. Er leitete sofort eine Notbremsung ein und kam einen guten Meter vor mir zum Stehen. Der ganze Bus wackelte und schwankte, der Busfahrer sah mich vorwurfsvoll an (Warum auch immer?!). Schwein gehabt! Ein guter Meter ist zwar jetzt nicht soooo sonderlich knapp, aber bei einer Fahrtgeschwindigkeit des Busses von geschätzten 10 km/h kann man sich ja ausrechnen, um wie viele Millisekunden später der Fahrer nur hätte bremsen müssen, um mich dann doch noch zu erwischen. Nach dem ersten Schreck fiel mir auf, dass ich den linken Blinker irgendwie betätigt hatte. „Warum blinke ich denn, bin doch schon ewig nicht mehr abgebogen?“, fragte ich mich. Dann viel mir auf, dass ich zwar flink im Bremsen war, nicht aber sehr geschickt, was den Rest des ganzen Manövers angeht. Statt nämlich zu Hupen, habe ich in der Panik den Blinker betätigt, der Schalter genau unter der Hupe. Um meine völlig bescheuerte Aktion noch zu verifizieren, hupte ich kurz, indem ich den richtigen Schalter betätigte. Funktionierte! Mist, doch nicht so toll reagiert wie ich dachte. Peinlich, peinlich. Das ist als ob man mit einer Shotgun einen Warnschuss in die Luft abgeben will, stattdessen aber versehentlich zu Pfeil und Bogen greift.

Eine der noch etwas harmloseren Kurven zwischen den Seen.

Das hätte ins Auge gehen können aber es ist ja nochmal Alles gut gegangen und konnte ich die Fahrt fortsetzen, die restlichen Kurven genießen und wurde zurück am Ohridsee mit einem Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch belohnt. Ich saß eine ganze Weile dort am See herum, beobachtete die tiefrote Sonne beim Zubettgehen und fuhr dann Richtung Ohrid, einem sehr schönen Ort direkt am See. Mir blieb dann sogar noch das Campen erspart, da ich auf der Suche nach dem Campingplatz einen älteren, netten Herrn gefunden habe, der mir ein Zimmer für wenige Euro vermietet hat. Mit W-LAN, 4 Betten für nur eine Person und Dusche / WC auf dem Flur. Das Restaurant, welches mir der ältere Herr empfohlen hatte war auch super. Viel Essen, viel Bier und sehr guter Service für weniger als umgerechnet 5 Euro. Mazedonien? I like!

Die Kuh genießt...

Haus am See?! Dort gerne!

Am nächsten Tag genoss ich noch ein bisschen den Ohridsee und fuhr dann über Skopje nach Bulgarien. An einer bulgarischen Tankstelle versorgte ich mich, meine Kuh und einen verhungernden Hund noch mit dem Nötigsten, bis ich dann schließlich spät am Abend in Sofia eintrudelte.

Lecker Dosenfleisch und Wasser für den dürren Gesellen

Schon bei der Ankunft über mehrere Kilometer Kopfsteinpflaster war mir Sofia sehr sympathisch; breite Straßen, viel Licht, schöne Häuser, alte Häuser, neue Häuser, schöne alte und schöne neue Häuser, jede Menge Leute auf der Straße, die meisten davon jung und gutaussehend. Leider war das Hostel, welches ich mir im Vorfeld aus dem Internet herausgesucht hatte, total voll. Die nette Frau von der Rezeption telefonierte kurz und wenige Minuten später wurde ich von einer anderen Frau abgeholt und in die „Zweigstelle“ des Hostels, den „Orient Express“, gebracht. Leider war diese Zweigstelle im fünften Stock eines Altbaus und ich konnte die Kuh nur im Parkverbot abstellen. Parkplätze in Sofia sind so eine Sache, Berlin ist ein Traum dagegen! Das Hostel bestand eigentlich nur aus einer Wohnung mit einem Mehrbett-Zimmer (5 Hochbetten + 2 normale Betten) sowie zwei weiteren „privaten“ Räumen mit jeweils 2 Betten. Dazu zwei Bäder und eine Küche sowie ein Aufenthalts-Flur. Sehr klein, sehr nett und die Leute waren auch alle schwer in Ordnung. Das mit dem Hostel läuft in Sofia (zumindest in diesem Hostel) so: Es handelt sich um private Wohnungen, in denen Leute untergebracht werden. Wenn ein privater Raum frei ist, schläft dort die Vermieterin (welche auch 24 Stunden, 7 Tage die Woche im Einsatz ist). Sind die privaten Räume auch vermietet, schläft sie auf einem Bett im 12er Zimmer. Ist dort auch alles voll (wie bei uns der Fall gewesen), schläft sie halt auf einer kleinen Couch im Aufenthalts-Flur. Schon etwas kurios und auf Dauer anstrengend. Vielleicht war sie deswegen auch jeden Tag spätestens um 19 Uhr voll wie eine Strandhaubitze?!

W-Lan ja, Hunde nein, Rauchen ja, Waffen nein

Orthodoxe Kirche in Sofia

Ich war insgesamt drei Tage in Sofia und bin von der Stadt hellauf begeistert. Sie ist einer Metropole würdig, bietet eigentlich Alles was man so braucht und hat ein ausgesprochen feines Nachtleben. Dabei ist Sofia gar nicht mal so groß, zumindest von der Fläche her nicht. Das Hostel war super gelegen und wirklich alles war innerhalb von wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Die Polizei hat meine im Parkverbot stehende Kuh nicht abschleppen lassen, sondern sich die Mühe gemacht, die Vermieterin zu kontaktieren. Diese hat mich dann um 08 Uhr morgens geweckt und mir gesagt, ich solle schnell umparken. Okay, da ihr Englisch sich auf die wichtigsten 10 bis 20 Vokabeln beschränkte klang das ganze ungefähr so: „Police! Call me! You go! Or in 20 minutes no car!“. Ich verstand, parkte etwas weiter weg auf einem Bezahlparkplatz und alles war in bester Ordnung. Die gratis Stadttour zeigte in einem zweistündigen Spaziergang die wichtigsten Sehenswürdigkeiten mit den wichtigsten Daten und Fakten zur Stadt. Das ganze locker und lustig von Studenten vorgetragen. Eine solche Tour gibt es in Berlin auch, wirklich ausgesprochen empfehlenswert, in Berlin wie auch in Bulgariens Hauptstadt. Sofia, dich besuch‘ ich wieder, du hast mir sehr gut gefallen!

Bar / Café mit ganz besonderem Charme, das "Apartment" Sofia

Von Sofia ging es dann auf direktem Wege in die Türkei, Bericht folgt.

 

Ein bisschen Albanien

Der albanische Ankunfts-Hafen war Durres, die zweitgrößte Stadt und wichtigste Hafenstadt Albaniens. Entlang des „Strandes“ wurde leider jeder freie Zentimeter mit Touristenbunkern gepflastert. Auch der Rest der Stadt bot nicht besonders viel aber ich wollte wenigstens die eine oder andere ausgewiesene Sehenswürdigkeit anschauen, die Stadt ein bisschen durchfahren und einen Happen essen. Um mich erst einmal zu orientieren steuerte ich einen Parkplatz neben einem dieser Touristenbunker an und wollte meinen Stadtplan studieren. Nach wenigen Minuten war ich jedoch von vier kleinen Kindern umringt, die an mir herum zupften und mich anbettelten. Die Mutter saß seelenruhig ein paar Meter entfernt im Rasen und beobachtete das Treiben. Ich versuchte die Kinder abzuwimmeln und sagte immer wieder „no, no, no, no!“. Die Kinder dort sind jedoch genauso hartnäckig wie die Bettel-Kinder in Indien. Sie lassen einfach nicht von einem ab, egal was man sagt oder tut. Ich habe für solche Fälle extra eine Tüte Aldi-Haribo im Tankrucksack verstaut, um den Kindern wenigstens irgendetwas geben zu können. Eine Taktik, die bereits in Indien einigermaßen aufging.  Geld bekommen Sie von mir jedenfalls keines, es würde meiner Meinung nach ein falsches Zeichen setzen, wenn die Kinder durch Betteln abends mit mehr Geld als der (vielleicht) hart arbeitende Vater nach Hause kommen. Nachdem die Kinder ihre Haribo-Tütchen bekommen hatten, starrten sie mich noch einige Zeit erwartungsvoll an, hörten aber wenigstens auf an mir und der Kuh zu zuppeln. Zu meinem Glück (und deren Pech) kamen gerade ein paar Touristen aus einem der Bunker. Die Mutter der Bettel-Kinder pfiff laut und zeigte auf die Touristen. Die Kinder sprinteten sofort zu ihren neuen Opfern, ich war erlöst und suchte mir fix einen neuen Platz um mich in Durres zu orientieren.

Altes römisches Amphitheater versteckt in Durres, keine wirkliche touristische Nutzung des Reliktes

Über Durres gibt es ansonsten nicht viel zu berichten. Eine eher hässliche Stadt ohne besonderen Charme. Ich habe dort noch eine Kleinigkeit gegessen und mich dann Richtung Norden begeben. Durch die Verspätung der Fähre war es nun auch schon relativ spät und ich erreichte gegen 20 Uhr den zuvor im Internet auserkorenen Campingplatz „Camping Albania“.

Der Campingplatz dort im hohen Norden Albaniens ist sehr klein und familiär-gemütlich. Er ist sauber, die Betreiber sehr nett und engagiert. Einziger Nachteil: Man campt auf einer umzäunten Wiese ohne jegliche Bäume oder andere Schatten-spendende Objekte. Somit wird es morgens sehr schnell sehr heiß im Zelt, so dass schon zwischen 7 und 8 Uhr die 30°C-Marke überschritten wird. Nichts für Langschläfer, nichts für mich…

Nachdem ich mein Zelt aufgestellt hatte, ging ich zum Abendessen in das nette, dem Campingplatz angeschlossene, Restaurant. Auch hier waren die Preise mehr als fair und die Qualität super. Ich saß dort nach dem Essen noch einige Stunden und plante den weiteren Verlauf meiner Reise nach der Ankunft in Istanbul. Dazu war ich bis dato noch nicht gekommen und ich wusste auch gar nicht, ob mein Zeitplan überhaupt die lange Reise bis an die Grenze zwischen Europa und Asien zulassen würde. Außerdem habe ich den Artikel über Süditalien geschrieben und hochgeladen. Alles war super, die stressige Ankunft in Durres vergessen.

Irgendwann schloss das Restaurant und ich tigerte zu meinem Zelt zurück. Vor dem Toilettenhäuschen saß nun plötzlich ein drollig ausschauender Mann in den besten Jahren mit einem Jagdgewehr in den Händen. Im ersten Moment war ich etwas erschrocken, meine ersten Gedanken kreisten unwillkürlich um die Worte „Albanien, Überfall, Mafia und Tod“. Doch der drollige, etwas untersetzte Mann schaute mich nur freundlich an, lächelte und grüßte. Etwas irritiert Zwang ich mir auch ein Lächeln von den Lippen und setzte meinen Weg zum Zelt fort. Schließlich im Zelt liegend, ließ mich die Frage nicht mehr los, was dieser Typ mit dem riesigen Gewehr denn dort eigentlich zu suchen hatte. Nach kurzer Zeit des Überlegens überredete ich mich dazu, den Mann einfach mal zu fragen. Ich schlich also zurück, bot dem Mann eine Zigarette an, zündete mir selbst noch eine an und setzte mich dann neben ihn auf die Stufen. Nach vier, fünf Zügen des Schweigens, fragte ich ihn schließlich, was er hier so treibe. Er verstand weder Englisch noch Deutsch, nur etwas Italienisch, womit ich jedoch wiederum leider nicht dienen konnte. Mit etwas Hand-, Fuß- und Lautsprache konnten wir dann jedoch eine gemeinsame Kommunikationsbasis finden. Ich verstand soviel, dass er hier des Nachts patrouilliere, dass sein Gewehr eine echte italienische Baretta sei und dass er das schon seit einiger Zeit mache. Ich konnte jedoch nicht so richtig herausfinden, vor wem oder was er uns hilflose Camper eigentlich beschützen sollte. Und ich wusste auch nicht so Recht, ob ich diese Situation nun eher als beruhigend oder dann doch eher als beängstigend  einstufen sollte. Mir fiel auf, dass er sowohl rote, als auch grüne, riesengroße  Patronen an seinem Munitionsgürtel trug und wollte herausfinden, was der Unterschied ist. Es stellte sich schnell heraus, dass mit einfachen Lauten und Gebärdensprache dies jedoch kein leichtes Unterfangen war. Meine Vermutung war, dass die grünen Patronen als Schreckschuss-Patronen dienten, während mit den roten scharf geschossen wurde. Nur leider kann man mit „BUMM BUMM“ als Schussnachahmung nicht wirklich klar machen, ob man einen Schreckschuss oder einen echten Schuss zu imitieren versucht. Ich tanzte also wie ein dressiertes Zirkusäffchen vor dem Mann herum, gab „BUMM BUMM“ – Geräusche von mir und wedelte zum Einen so mit den Armen, als würde ich mich erschrecken (Schreckschuss) und zum Anderen als falle ich tot um (echter Schuss). Ich kam mir dabei verständlicher Weise recht doof vor und kam auch nicht so richtig weiter. Erst musste er grinsen, dann lachen. Eine Antwort blieb er mir jedoch schuldig. Egal, ich bleibe einfach bei meiner Vermutung, wird schon so stimmen… Wir rauchten noch gemeinsam eine Zigarette (diesmal bot er mir eine an), ich durfte noch ein Foto von ihm machen und dann verabschiedete ich mich. Lustiger Weise wurde ich dann in dieser Nacht durch mehrfaches, sehr lautes Knallen wach. Ich habe keine Ahnung ob es Schüsse oder irgendwelche Böller waren. Am Morgen war der Mann auch schon verschwunden und ich konnte mich dahingehend nicht mehr schlau machen.

Der drollige "Security" mit seiner Jagd-Baretta

Rote und grüne Patronen geben Rätsel auf

Um 7 Uhr machte ich mich auf die fast zweistündige Fahrt nach Koman. Vom Campingplatz bis dorthin sind es zwar nur wenige Kilometer, die Straßen jedoch so schlecht, dass die Fahrt einer Offroad-Tour entspricht.  Abgesehen davon, dass Geländefahren auch absolut spaßig ist, hat sich das frühe Aufstehen und die Mühe auch absolut gelohnt. In Koman beginnt eine zweieinhalbstündige Fährfahrt über einen riesigen, langgezogenen Stausee bis nach Fierze. Der Stausee gleicht einem skandinavischen Fjord, klares Wasser und rechts und links des Sees beeindruckende Gebirgslandschaften. Wunderschön!

Durch Staustufen in unterschiedlichen Höhen kaskadenartig angelegte Stauseen

Ankunft der schon etwas betagten Fähre

Faszinierende Fahrt durch die gefluteten Täler

Die Wasserkraftwerke sind Albaniens wichtigste Stromerzeuger. Ökologisch streitbar, optisch aber definitiv reizvoll.

Angekommen in Fierze habe ich mit einem Italiener (mit einer großen BMW Reiseenduro unterwegs) noch lecker Gegessen und über das Motorrad-Reisen philosophiert, bevor die Kuh und ich uns auf den ebenso schönen Heimweg durch die albanische Gebirgslandschaft begeben haben. Diesmal rollender und nicht schwimmender Weise. Auf dem Weg begegnete ich nochmals Bettel-Kindern. Dieses Mal sprangen sie inmitten des albanischen Gebirgsnirvanas einfach auf die Straße und versperrten mir den Weg. Man wurde dazu genötigt anzuhalten um dann in klassischer Manier angebettelt zu werden: Die Kinder stellen sich mit ihren großen, dunklen Kulleraugen vor einen, zuppeln an allem herum, was sie in die Finger bekommen und reiben sich mit der Hand über ihre leeren, kleinen Bäuchlein. Dies ist binnen weniger Kilometer nicht nur ein Mal, sondern gleich mehrfach geschehen. So leid mir die Kinder auch taten, ich war nach dem vierten unfreiwilligen Stopp einfach nur noch genervt.

Nach einer weiteren Nacht auf dem Campingplatz bin ich am folgenden Tag über Tirana an den Ohridsee, der an der Grenze zwischen Albanien und Mezedonien liegt, gefahren.

Ein paar Bilder vom Ohridsee und Berichte über Mazedonien sowie Bulgarien folgen in den kommenden Tagen.

Nur schon mal so viel: Ich bin inzwischen in Edirne in der Türkei angekommen und werde morgen vermutlich in Istanbul, meinem eigentlichen Reiseziel, angelangen. Aber wie heißt es nicht so schön, „der Weg ist das Ziel“ und ich genieße jeden weiteren Tag auf dem Motorrad bei bisher ausnahmslos grandiosen, wenn auch brütend heißem, Wetter.

Kurzes Fazit zu Albanien: Ein Land, welches mich in vielerlei Hinsicht an Indien und somit an ein Schwellenland am Übergang von der Dritten Welt zu einem Industriestaat erinnert. Nur ein paar wenige der vielen Beispiele: Müll wird von fast Jedermann gesammelt und häufchenweise am Straßenrand verbrannt. Egal ob Plastik, Papier, alte Reifen oder Batterien. Einerseits bettelnde Kinder an jeder Ecke, andererseits aber auch absolut moderne, hippe Bars und Cafés á la Prenzlauer Berg, gespickt mit Apple-abhängigen und Latte Macchiato schlürfenden Dandys in der aufstrebenden Balkan-Metropole Tirana. 90% schrottreife, alte, aus Nordwesteuropa importierten Autos und dazwischen einige nagelneue Mercedes E-Klassen oder 6er BMWs. Überall wird deutlich, wie verdammt groß die Spanne zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen ist. Dabei sind es aber überwiegend die schlechter situierten Albaner gewesen, die mich zu jeder Gelegenheit neugierig, mit vielen Fragen und überaus herzlich in ihrem Land begrüßt haben, mir im Vorbeifahren zu gewunken und ihre Daumen in die Höhe gestreckt haben. Die Landschaft ist wirklich schön (siehe Bilder zu der Koman-Fähre) wenn auch auf Dauer etwas monoton. Ich bin mir aber sicher, dass es in Albanien noch sehr viel mehr zu entdecken gibt, als die paar Eindrücke die ich in drei Tagen sammeln durfte!

 

Am Lago die Spluga, auf italienischer Seite des Splügenpasses

Der Franken ist ein Arschloch. Er vermiest einem die ohnehin schon knapp bemessene Zeit in den Kantonen. Als wir die in Konstanz die Grenze überfuhren stand er nahezu 1:1 auf Augenhöhe mit dem Euro. Das macht eigentlich jede Ausgabe in der Schweiz zu einem teuren Vergnügen und so war ich froh, für die Fahrt schon in Deutschland eine Flasche Rivella eingepackt zu haben. So grundsätzlich falsch das auch wirkt, geschmeckt hat es trotzdem.

 

Nach gefühlten 329 Kreisverkehren waren wir dann endlich auf einer Schweizer Schnellstraße und auf dem Weg nach Splügen. Ich wollte die Alpen lieber er- und befahren statt ihre Autorität durch den San-Bernardino zu unterwandern.

Der Splügenpass beginnt auf nördlicher Seite im Dorf Splügen. Soweit klingt das ja auch logisch. Spaß macht es aber mit einem Turbopfeiffen im Ohr und mit offenen Fenstern die startrampenförmige Straße am Ortsausgang hinaufzujagen.

Auf dem Splügenpass

Die kurz darauf einsetzenden engen Kehren machen jedoch schnell klar: Schnell geht woanders. Spaß hat es trotzdem gemacht und so haben wir uns Kehre um Kehre ins Gebirge gequält. Oben auf dem Scheitel steht dann eine kleine Grenzstation, passiert man diese, ist man in Italien. So leicht geht das.

Kurz nach der Kuppe legten wir eine kleine Rast mit Sandwiches und Softdrinks ein. Viel spannendes ist dann jedoch auch nicht mehr passiert und wir setzten unseren Weg unvermittelt aber gesättigt fort. Interessant übrigens, wie moderne Navigationsgeräte in den Alpen ihren Dienst quittieren. Wobei: Das tun sie eigentlich nicht. Sie geben vor alles wäre Bestens, und dabei hauen sie dich voll in die Pfanne. Also Navi aus und nach Gefühl fahren. Ist eigentlich auch nicht weiter schwer, denn die einzige Richtung heißt hier bergab, und die finde ich auch ohne Navi oder Wasserwaage.

In der Po-Ebene angelangt ging es dann auch recht flott an Mailand vorbei bis nach Alessandria wo wir unser erstes bezahltes ( *g* ) Hotel betraten: Das Hotel Diamante. Nüchtern, groß, funktionell. Ich kann eigentlich nichts Negatives sagen. Frühstück war gut und es hatte sogar einen Pool. Allerdings liegt es etwas weit draußen, so dass man einige Fahrzeit für einen Abstecher nach Alessandria einplannen sollte.
Nach einer kurzen Verschnaufpause zog es uns dann also auch in die Stadt und nach einiger Sucherei fanden wir das Restaurant unserer Wahl: Das Restaurant Duomo.

Blick auf die Pizzeria mit der mittelmäßigen Pizza

Das Essen nicht nur lecker, sondern auch überschaubar und so muss ich zu meiner Schande gestehen, dass wir danach noch eine Pizza essen gegangen sind… drei Häuser weiter. Aber im Mittelmeerraum wird ja insgesamt viel ausgiebiger und länger gespeist und so sah ich es als Geste der Völkerverständigung. Die Pizza war übrigens nicht besonders.


Größere Kartenansicht

Süditalien – der Pickel und die Fähre

Ich muss zugeben, dass ich der italienischen Adriaküste etwas Unrecht getan habe. Nach der Nacht auf dem Panorama-Campingplatz, mit den grässlichen Bildern der italienischen Adriaküste mit einer Ballermann-Bar und einem Hotelkomplex nach dem anderen belastet, wurde ich doch tatsächlich positiv überrascht. Denn ab Pesaro folgten viele lauschige, kleine, völlig unhektische italienische Örtchen an der Adria. Da man diese Örtchen passieren musste, um nicht die mautpflichtige Schnellstraße zu benutzen, wurde die Fahrt zwar extrem verlangsamt aber auch stark aufgewertet. Schön war es in diesen vorzeitlich wirkenden Örtchen; kleine Gassen, alte Häuser, italienische Omis & Opis an der Straße sitzend, kleine gemütliche Cafés, viel Grünzeug, mediterrane Farben und das strahlende Blau der Adria immer wieder zwischen den Häusern hindurch blinzelnd. Und da ich sowieso sehr gut in der Zeit lag, konnte ich die restliche Fahrt an der Adriaküste nach Bari auch wirklich stressfrei genießen.

Einfahrt in kleinen Küstenort

Wenn man sich die italienische Adriaküste auf einer Karte anschaut, fällt einem bei Manfredonia (wer hat sich diesen Namen wohl ausgedacht?!) kurz vor Bari eine Art Pickel, der in die Adria hineinragt, auf. Diesen Pickel wollte ich unbedingt befahren, denn zumindest auf der Karte sah er wirklich vielversprechend aus – zwei Seen und viel Nationalpark, das ganze an der Adriaküste. Gedacht, getan. Als ich dann auf Entdeckungstour auf dem Pickel war, habe ich mich etwas verfranzt. Ich wusste nicht mehr so genau wo ich war und wo ich eigentlich herkam. Ich zwar auf einer hügeligen Schotterpiste inmitten von dutzenden Olivenbaum-Feldern mit Blick auf die Adria. Klingt schön, war es auch. Ich befuhr also diesen Weg, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Rudel von 7 oder 8 wilden Hunden vor meinem Motorrad auf die „Straße“ sprang. Es waren alle Größen vertreten, vom kleinen Mischling bis zum großen Schäferhund. Die Hunde waren nicht sonderlich glücklich darüber, dass ich mich dazu erdreistete, in ihrem Revier zu streunern. Und diesen Missmut zeigten mir die Köter auch. Sie klefften, bellten, sprangen auf und ab und versuchten mich vom Mopped zu holen und wirkten wirklich ausgesprochen bedrohlich. Ich wusste keinen anderen Ausweg und gab einfach Gas, schließlich kann man auf einer Schotterpiste auch nicht eben mal in Schlangenlinien die Hunde umfahren. Ich hatte Glück, denn die Hunde wollten ebenso wenig verletzt werden wie ich und sprangen im letzten Augenblick an die Seite. Sie verfolgten mich noch ca. 100 Meter und gaben dann auf. Der Schreck saß tief! In diesem Moment musste ich daran denken, dass mein Albanien-Reiseführer mich vor wilden Hunden im albanischen Hinterland gewarnt hat. Hupen, Brüllen und aggressives Auftreten würden nicht helfen, man müsse auf „Steinbombardements“ als einzigen Schutz zurückgreifen. „Steinbombardements“?!?! Heißt das, ich muss mir für Albanien den Tankrucksack mit Steinen befüllen und in ständiger Alarmbereitschaft wurfbereit sein? Heißt das, ich muss vor dem Befahren von Albanien noch Wurfübungen machen oder mir gar eine Steinschleuder zwischen die Spiegel spannen? Das konnte ja heiter werden…

Nachdem der erste Schreck verflogen war suchte ich mir ein Hotel. Es war schon recht spät und auf Wildcampen hatte ich unerklärlicher Weise plötzlich so überhaupt GAR KEINE Lust mehr.

Am nächsten Tag sah die Welt schon wieder ganz anders aus und ich fuhr entspannt bis Bari, von wo aus ich am Abend die Fähre nach Durres, Albanien nahm.

Adriaküste auf dem italienischen "Pickel"

 

Ich war viel zu früh in Bari angekommen und beobachtete geschlagene 3 Stunden das Treiben an der Verladestelle des Hafens. Zuvor bin ich noch 2 Stunden durch Bari gekurvt, habe dabei aber nichts Besonderes beobachten können. Das Gewusel am Hafen war da schon interessanter. Der italienische, Testosteron-geladene (oder besser: überladene) Hafeneinweiser, der die Autos in die richtige Spur bringen sollte, hatte wohl einen schlechten Tag erwischt. Was für die betroffenen Autofahrer wohl der wahre Horror gewesen sein muss, war für mich lustig. Denn dieser Einweiser machte wirklich kurzen Prozess mit all denjenigen, die sich nicht genau an seine Anweisungen hielten. Leider sprach er nur italienisch und viele der Autofahrer kamen offensichtlich mit seinen Anweisungen nicht zurecht, ich habe auch selten verstanden, was er eigentlich wollte. Jedenfalls schrie er wie ein cholerischer, tollwütiger Rüde in der Paarungszeit die ahnungslosen Kunden an und zerrte „Falschparker“ zu ihren Autos zurück und zwang sie, sich „umzuparken“. Kurios aber durchaus amüsant.

Pünktlich um 21 Uhr konnte ich dann auch auf die Fähre, zum Glück hatte ich einen anderen Einweiser erwischt. Um kurz vor 10 war dann mein Mopped auf der Fähre und ich auf meinem Sitzplatz. Geplante Abfahrt war um 23 Uhr, jedoch gab es wohl Probleme und wir legten erst um 3 Uhr nachts ab. Leider konnte ich den Grund für die Verzögerung der Durchsage des Bordpersonals nicht entnehmen, denn diese war nur auf italienisch und albanisch. Aber ich schätze mal sie klang in etwa so: „Sehr geehrte Fahrgäste, leider verzögert sich unsere Abfahrt um etwa 4 Stunden, da unser Einweiser einen Fahrgast erdrosselt und mit Seemannsgarn als Galionsfigur an die Fähre gebunden hat. Sobald unser Techniker die Knoten lösen konnte, wird die Fähre ablegen. Vielen Dank für ihr Verständnis!“.

Während der langen Wartezeit habe ich ganz in guter, alter, deutschen Manier die Fähre inspiziert und ich war von dem Zustand nicht sonderlich begeistert. Die Toiletten waren seit mehreren Überfahrten nicht mehr geputzt, es gab kein Klopapier, keine Seife und es stank wie auf einer Kirmestoilette um 4 Uhr morgens. Die Schläuche zum Löschen von Bränden waren entweder nicht mehr vorhanden oder lagen ausgerollt und angeschlossen an Deck herum. Es sah quasi so aus, als hätte man bei der letzten Überfahrt einen kleinen Brand löschen müssen. Insgesamt war der Zustand der Fähre miserabel und ich machte mir Gedanken darüber, ob die Verspätung nicht doch daher rührte, dass man noch eben schnell ein Leck in der Schiffswand mit Heißkleber abdichten musste. Naja, die Überfahrt verlief dann letztendlich ohne Probleme und ich bin wohlbehalten in Albanien angekommen. Die Fahrt war anstrengend, laut, wenig luxuriös und gezeichnet von sehr wenig Schlaf. Aber die Fähre war mit Abstand die günstigste und mir geht es noch gut. Also alles in Butter! Melde mich mit den ersten Albanien-Erfahrungen in Kürze wieder.

Verladung in Bari mit dem "androgenen" Einweiser

Boonsri und Sarah

Tag eins unserer kleinen Tour.

 

Gestartet in Bad Wildungen sind wir endlich in Radolfzell am Bodensee angekommen. Unterbrochen wurde die Fahrt nur von einem kurzen Umweg über Ulm, denn Boon, unsere Freundin aus Ban Krut in Thailand ist für zwei Monate in Deutschland und wohnt dort bei einem Freund. Freundschaften muss man pflegen und so ließen wir es uns nicht nehmen einen Besuch mit in unseren Tourplan mit ein zu bauen.

Boon heißt eigentlich Boonsri und ich kenne sie schon fünf oder sechs Jahre. Zuletzt in Erscheinung getreten ist sie letztes Jahr bei unserer Thailandreise. Dank ihr konnten wir Südthailand authentisch erfahren und verdanken ihr einige tolle Erlebnisse.

Beispielsweise fuhr sie mit uns an die Grenze zu Myanmar um einen illegalen Orchideen Markt zu besuchen. Arme Bauern aus Myanmar plündern dort die Wälder, um die seltenen, teils vom Aussterben bedrohten Pflanzen für ein paar Cents feil zu bieten. Natürlich ein ökologisches Debakel und auf lange Sicht unvernünftig, aber aus Mitteleuropäischer Sicht kritisiert es sich eben am schönsten.
Aber Boon hat uns noch viel mehr geboten. Sie zeigte uns Prachuap Khirikan, schickte uns ins „Thailändische Seaworld“, verschaffte uns einen exklusiven Tauchgang mit Hühnerschenkel und besorgte mir vor allem meinen Roller. Ohne Roller ist man in Ban Krut nichts. Der Strand ist zum Laufen einfach zu lang und sowieso macht es Spaß durch die warme Sommerluft zu düsen.

Jedenfalls bereicherten wir den heutigen Tag mit einem Besuch bei Boon, so viel müsste dem durchschnittlichen Leser inzwischen klar geworden sein. Wir waren bei Boon. So selbstverständlich ist das aber eigentlich nicht. Ich hätte nicht gedacht, sie jemals auf deutschem Boden begrüßen zu können und freue mich umso mehr. Und das Beste: Ihr gefällt’s hier sogar ganz gut. J

Leider dauerte unser Besuch nur ca. 1 ½ Stunden denn wir mussten ja noch zum Abendessen an den Bodensee. Aber vielleicht klappt es ja auf der Rückfahrt noch mal und natürlich wäre sie uns jederzeit auch in Bad Wildungen, dem „Ort der Vielfalt“ herzlichst willkommen.

Jetzt aber genug. Es ist 00:26 und morgen müssen wir früh raus. Es geht über die Alpen nach Alessandria in Italien. Aber vielleicht gibt’s ja morgen mehr zu lesen.

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